Warum werden immer mehr Jugendliche gewaltbereiter? – Die Jugendredaktion Chemnitz forscht nach
Wenn Kinder schon in Grundschulen Reichskriegsflaggen aus Bügelperlen basteln, merken wir: Wir haben ein Problem. Immer mehr Jugendliche und vor allem Kinder werden radikalisiert und gewaltbereiter. Mit diesem Thema setzte sich die letzte Fachkonferenz zur Gewalt- und Radikalisierungsprävention des Kriminalpräventiven Rates der Stadt Chemnitz auseinander. Wir waren vor Ort, um uns selbst ein Bild zu machen und euch zu erzählen, was dieses Thema bei uns ausgelöst hat.
Die Konferenz fand in der Stadtwirtschaft auf dem Sonnenberg statt. Der Hauptteil war ein Vortrag von Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach, der sich seit vielen Jahren mit diesem Thema beschäftigt und nun die Ergebnisse seiner Arbeit vorgestellt hat. Im Anschluss wurden verschiedene Projekte präsentiert, die sich mit den Herausforderungen von Gewalt und Radikalisierung befassen.
Meiner Meinung nach ist dies ein sehr wichtiges Thema, denn wie sich herausstellt, wächst nicht nur die Gruppe extremer Jugendlicher, sondern sie wird auch immer jünger. Erst kürzlich wurden zwei Kinder an einer Grundschule in Cottbus für sechs Monate vom Unterricht ausgeschlossen, weil sie gewalttätig wurden. Laut Kreiselternrat Cottbus habe es auch Fälle gegeben, in denen „Achtjährige mit Messern, Pfefferspray und Fäusten“ aufeinander losgegangen seien. Diverse Vertreter von Jugendhilfeprojekten bestätigen zudem, dass auch in Chemnitz die Zahl kritischer Fälle an Grundschulen in den letzten Jahren angestiegen ist. Da stellt sich uns die Frage: Was passiert hier eigentlich gerade?
Als prägendsten Aspekt aus Prof. Dr. Kurtenbachs Vortrag habe ich die verschiedenen „Räume“ mitgenommen, in denen man sich als Mensch – und natürlich auch als Jugendliche oder Jugendlicher – bewegt. Diese können ideologisch oder religiös geprägt sein. Was dort häufig gesagt oder gezeigt wird, wirkt irgendwann normal. Einstellungen werden übernommen, ohne sie groß zu hinterfragen.
Dazu zählt auch der lokale Raum, in dem man lebt, zum Beispiel der eigene Stadtteil. Prof. Dr. Kurtenbach untersuchte solche lokalen Räume und stellte fest, dass es in Berlin eine räumliche Trennung von Islamisten gibt. Es existieren Stadtteile, in denen vermehrt religiöse Extremisten leben und dadurch vor Ort als „normal“ wahrgenommen werden.
Ein weiterer wichtiger Raum ist der allgemeine öffentliche Raum, in dem vor allem wir Jugendliche viel Zeit verbringen. Auch hier werden zum Beispiel Raummarkierungen, denen man regelmäßig begegnet, irgendwann als normal wahrgenommen. Wenn ich durch das Chemnitzer Zentrum laufe und mal wieder ein Hakenkreuz an einer Laterne klebt, verbinde ich das mittlerweile nicht mehr automatisch mit dem, wofür es eigentlich steht. Dadurch werden verfassungsfeindliche Symbole und Aussagen nach und nach legitimiert.
Der Raum, in dem man sich online bewegt, beeinflusst Jugendliche wahrscheinlich sogar noch stärker. Etwa 93 Prozent aller deutschen Jugendlichen nutzen täglich Social Media. Das Problem dabei ist, dass Inhalte, die auf Gefühle abzielen, oft ansprechender sind als Fakten und Statistiken. Solche Mechanismen werden besonders von rechtspopulistischen Parteien genutzt, da sich damit gezielt Feindbilder aufbauen lassen. Das steigert wiederum die Anfälligkeit für Radikalisierung. Auffällig ist zudem, dass sich diese Parteien häufig in eine Opferrolle begeben und bei ihren Wählerinnen und Wählern das Gefühl erzeugen, unfair behandelt zu werden.
Dieses Gefühl einer vermeintlich unfairen Behandlung wird in der Fachsprache als „relative Deprivation“ bezeichnet. Auch sie erhöht die Anfälligkeit für Radikalisierung und war historisch ein entscheidender Motor für Revolutionen, Aufstände und soziale Unruhen. Prof. Dr. Kurtenbach erklärte, dass Diskriminierungserfahrungen und insbesondere die Wahrnehmung von Ungerechtigkeit Misstrauen gegenüber dem Staat erzeugen können, was wiederum Radikalisierung begünstigt. In seinen Interviews wurde die Polizei dabei häufig genannt, etwa wenn berichtet wird, dass jemand von der Polizei aufgegriffen wird, aber später nicht bei der Polizeiwache ankommt. Auch diskriminierende oder abwertende Erfahrungen mit dem Einwohnermeldeamt oder sogar mit Busfahrern können dieses Gefühl der Ausgrenzung verstärken und die Anfälligkeit für Radikalisierung erhöhen.
Jugendliche haben zudem oft das Gefühl, vom Staat nicht ausreichend unterstützt zu werden. Der Jahrgang 2008 musste dabei einiges über sich ergehen lassen. Als Grundschüler erlebten sie 2015 die sogenannte Flüchtlingskrise, die viele Schulklassen hoffnungslos überfordert hat. 2020 folgte mit dem Sprung in die Oberstufe die Corona-Pandemie mit monatelangem Unterrichtsausfall und Distanzunterricht, der aus meiner Sicht nur wenig gebracht hat. Ich weiß selbst kaum noch, was ich in dieser Zeit gelernt habe, und meinen Freundinnen und Freunden geht es ähnlich. Mit dem Abitur musste sich diese Generation dann fragen, wie ihre Zukunft aussieht, wenn plötzlich erneut über die Wiedereinführung der Wehrpflicht diskutiert wird und damit fremdbestimmt über ihre Zukunft entschieden werden soll.
Prof. Dr. Kurtenbach erwähnte in diesem Zusammenhang einen prägnanten Punkt: Der Spielbetrieb in der Bundesliga wurde früher wieder aufgenommen als der Betrieb in Kitas. Das zeigt, wie wenig Priorität nachfolgende Generationen in der politischen Entscheidungsfindung offenbar haben. Den letzten Feinschliff erhält dieses Bild durch aktuelle politische Debatten über die Wehrpflicht, obwohl die betroffenen Jugendlichen oft nicht einmal wählen durften, um über ihre eigene Zukunft mitzuentscheiden.
Der Vortrag von Prof. Dr. Kurtenbach hat deutlich gemacht, dass die Anfälligkeit für Radikalisierung durch viele unterschiedliche Faktoren unseres Alltags beeinflusst wird.
Um dieser Anfälligkeit entgegenzuwirken, gibt es verschiedene Auffangstrukturen und Projekte, die Präventions- und Distanzierungsarbeit leisten. Ergänzend dazu existieren Angebote zur sozialen Integration, wie Jugendclubs, Workshops, Veranstaltungen oder auch Ganztagsangebote an Schulen. Ziel ist es, positive Räume zu schaffen und Betroffenen indirekt zu helfen. Doch genau hier zeigen sich große Probleme: Gelder werden gekürzt, und um weiter finanziert zu werden, müssen Projekte ihre Wirksamkeit nachweisen. Das ist jedoch schwierig, da sich viele Effekte erst Jahre später zeigen und kaum eindeutig auf eine einzelne Maßnahme zurückführen lassen. Allein in Chemnitz mussten in den vergangenen Jahren mehrere Angebote schließen, darunter die Jugendkirche, die Kinder- und Jugendarbeit des EC Rabenstein, das Haus der Begegnung der Behindertenhilfe sowie der Jugendclub „Young Connections“ in Ebersdorf. Zudem sind viele Projekte stark auf Schulen fokussiert, sodass es für junge Erwachsene kaum noch Auffangstrukturen gibt. Prof. Dr. Kurtenbach brachte es treffend auf den Punkt: „Präventionsarbeit endet oft am Schultor.“
Als Fazit finde ich es zunächst gut, dass Probleme erkannt werden und versucht wird, ihnen entgegenzuwirken. Dieses Bemühen scheitert jedoch, wenn Projekte nicht verlässlich finanziert sind und wir als Stadt noch keine tragfähigen Strukturen entwickelt haben, um solche Angebote langfristig zu sichern. Gerade in immer turbulenteren Zeiten müssen Jugendliche mehr Unterstützung bekommen – nicht weniger. Auch wenn selbst Expertinnen und Experten noch keine einfachen Lösungen haben, sollten wir zumindest mehr darüber sprechen, Verständnis füreinander entwickeln und den gesellschaftlichen Dialog stärken. Hoffentlich trägt dieser Artikel einen kleinen Teil dazu bei.
Die Jugendredaktion Chemnitz ist ein Kooperationsprojekt des 371 Stadtmagazins, von Radio T, der Filmwerkstatt, dem ASA-FF sowie der Partnerschaft für Demokratie Chemnitz.
Wer selbst als Jugendlicher oder Jugendliche (16–27 Jahre) mitmachen möchte, meldet sich einfach auf kurzem Weg:
@371_stadtmagazinchemnitz oder info@371stadtmagazin.de



Schreibe einen Kommentar