Diese Frage stelle ich seit dem Sommer 2025 den Menschen im Stadtteil. Mein Name ist Laura, ich habe selbst sieben Jahre lang in Chemnitz gelebt und bin eng mit der Stadt und den Menschen hier verbunden. Für mein Masterstudium zog es mich 2022 nach Weimar. Nun komme ich zurück, um nachzufragen, was die Menschen hier bewegt. Chemnitzer Sonnenberg ist ein vielfältiger, bunter und lebendiger Stadtteil, der zugleich voller Gegensätze und Kontraste, aber auch voller Möglichkeiten steckt. Hier treffen unterschiedlichste Menschen und Lebensentwürfe aufeinander: junge und ältere, alteingesessene, die schon ihr gesamtes Leben hier verbracht haben und den Stadtteil seit Jahrzehnten prägen, ebenso wie Zugezogene aus anderen Regionen oder Ländern, die hier ein neues Zuhause gefunden haben. Diese Mischung macht den Sonnenberg zu einem besonderen Ort und einem Stadtteil, der sich ständig verändert, weiterentwickelt und neu erfindet.

 

Kartierung sozialer Infrastruktur auf dem Sonnenberg

 

Betrachtet man statistische Zahlen, zeigt sich, was auch im Alltag spürbar ist: Der Sonnenberg gehört zu den bevölkerungsreichsten, jüngsten und sozial sowie kulturell vielfältigsten Orten der Stadt. Wie in vielen anderen innerstädtischen Stadtteilen, die durch unterschiedliche Einflüsse geprägt sind, zeigen sich auch hier im Alltag verschiedene Herausforderungen. Viele Menschen leben von einem geringen Einkommen oder sind von Arbeitslosigkeit betroffen. Ein großer Teil der Bewohnenden ist auf verschiedene Formen sozialer Unterstützung angewiesen. Während der Stadtteil von den Medien oft mit einer Reihe problematisierender Erzählungen verbunden wird, betonen die Menschen, die hier auf dem Sonnenberg leben, aber vor allem die positiven Aspekte des Zusammenlebens: den vorhandenen Platz, das umfassende Engagement, die Vielfalt an Möglichkeiten sowie die gute Versorgung und Anbindung an andere Teile der Stadt. Der Sonnenberg wird von den Menschen vor Ort insgesamt als sehr lebenswerter Stadtteil beschrieben.

 

Der Sorge Kiosk beim Hang zur Kultur 2025

 

Zwischen sozialen Herausforderungen und kreativer Aufbruchsstimmung, zwischen alten Fassaden und neuen Gesichtern entsteht Raum für Begegnung, Engagement und Veränderung. Hier entstehen neue Ideen und Aushandlungen darüber, wie ein lebendiges Miteinander und ein gutes Zusammenleben gestaltet werden können.

 

Teilnehmende bei der Intervention vom Sorge Kiosk

 

An dieser Stelle setze ich mit dem Projekt „Sorgen um den Sonnenberg“ an. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, welche Sorgen und Bedarfe hier im Alltag zusammenkommen und wie im Stadtteil füreinander gesorgt wird. Dieser Ansatz folgt der Perspektive, dass Sorgearbeit mehr ist als Pflege oder Betreuung, sondern all die kleinen und großen Handlungen umfasst, die zum sozialen Zusammenleben im Quartier beitragen. Etwa das ehrenamtliche Müllsammeln im öffentlichen Raum, das Unterstützen bei Hausaufgaben oder behördlichen Angelegenheiten, das Öffnen von Türen für einen Kaffeeklatsch oder das schlichte, spontane Zuhören, wenn ein Nachbar oder Freund ein offenes Ohr braucht. Um den Sonnenberg zu einem noch lebenswerteren Quartier zu machen, in dem für alle gut gesorgt ist, ist es zentral, die (Sorge)Bedürfnisse aller Bewohnenden und Nutzenden ins Zentrum zu stellen. Gerade in Zeiten gesamtgesellschaftlicher und demokratischer Herausforderungen, sowie finanzieller Kürzungen sozialer Angebote ist es wichtig, die diversen Bedürfnisse aller wahrzunehmen und die oft unsichtbaren Praktiken und Orte des Füreinander Sorgens zu stärken. Um den Fragen des „Sorgens um den Sonnenberg“ nachzugehen, habe ich im August und September den „Sorge – Kiosk“ in den Stadtteil gebracht, einen mobilen Aktionsort, an dem ich mit zahlreichen Menschen ins Gespräch kam. Ergänzend dazu fertige ich Übersichten von sozialen Infrastrukturen, sozialen und kulturellen Anlaufpunkten und Unterstützungsangeboten im Stadtteil an und spreche in Interviews mit Menschen, die hier leben und wirken. Ziel ist es, gemeinsam zu überlegen, wie der Sonnenberg als sorgender Stadtteil gedacht und weiterentwickelt werden kann.

Die Ergebnisse fließen in eine sozialwissenschaftliche Stadtforschung an der Bauhaus-Universität Weimar ein und sollen im Frühling 2026 in einer Ausstellung im Stadtteil präsentiert werden. Das soll insgesamt auch dazu einladen, ins Gespräch zu kommen, Erfahrungen zu teilen und Ideen für die Zukunft zu entwickeln – denn eine sorgende Stadt entsteht nur gemeinsam. 

Bei Interesse am Projekt, Fragen oder Anregungen, können Sie mich gern kontaktieren unter sorge.kiosk@posteo.de

Fotos: Laura Semper