Über welche Brücke willst Du gehen …? Gedanken zum geplanten Abriss der Brücke Hainstraße
Die Fuß- und Radbrücke an der Hainstraße soll abgerissen werden. Dass die alte Brücke in ihrem jetzigen Zustand nicht einfach bleiben kann, ist nachvollziehbar. Aber die eigentliche Frage ist doch: Was kommt danach? Denn für viele Menschen auf dem Sonnenberg ist diese Brücke nicht irgendein Bauwerk, sondern ein ganz normaler Teil des Alltagswegs in Richtung Innenstadt, Straßenbahn, Schule oder Arbeit. In der öffentlichen Debatte ist der Abriss der Hainstraßenbrücke seit April Thema; die Informationsvorlage I-012/2026 zur „Baustellenkoordinierung im Hauptnetz 2026“ stand am 22. April auf der Tagesordnung des Stadtrats. Berichtet wurde zudem, dass ein Ersatzneubau bislang nicht vorgesehen sei. (Amtsblatt Chemnitz Nr 15 vom 9. April 2026, https://www.tag24.de/chemnitz/politik-wirtschaft/brueckenabriss-in-chemnitz-gruene-fordern-neubau-3489642)

Ich schreibe das auch als Rollstuhlnutzerin. Für mich ist die „Bunte Treppe“ keine Alternative. Und ich bin damit nicht allein. Auch mit Kinderwagen, Rollator oder Fahrrad ist eine Treppe eben keine alltagstaugliche Verbindung. Deshalb geht es hier nicht nur um Beton und Stahl, sondern um die einfache Frage, ob der Sonnenberg auch in Zukunft direkt, sicher und nutzbar mit der Innenstadt verbunden bleibt. Dass diese Verbindung wichtig ist, passt auch zum Mobilitätsverhalten in Chemnitz. Auf der offiziellen Chemnitzer Seite zu den SrV-Ergebnissen 2023, die das Mobilitätsverhalten der Chemnitzerinnen und Chemnitzer untersucht, heißt es, dass der Wegeanteil des Fußverkehrs bei 31 Prozent liegt, der für den Radverkehr bei 8%. Zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs zu sein, ist also kein Randthema, sondern Alltag für sehr viele Menschen in dieser Stadt. Gerade deshalb sollte eine wichtige Querung für Fuß- und Radverkehr nicht einfach verschwinden, ohne dass vorher ernsthaft geklärt wird, wie es an dieser Stelle weitergeht. (https://www.chemnitz.de/de/unsere-stadt/verkehr/verkehrsplanung/mobilitatsverhalten)
Der Sonnenberg war schon immer ein Ort, an dem Wege und Übergänge viel bedeutet haben. Ein historischer Blick auf die sogenannte „Unkelswiese“, also das Gebiet zwischen unterer Hainstraße, Jägerstraße, Bahnlinie und Augustusburger Straße, zeigt, wie stark dieser Bereich seit dem 19. Jahrhundert durch Bahn, Bebauung und Brückenumbauten geprägt wurde. In dem Beitrag von Stephan Weingart aus dem Frühling 2022 wird auch beschrieben, dass sogar im Zusammenhang mit dem Umbau der alten Ostbrücke Gebäude weichen mussten. Brücken und Querungen haben diesen Stadtraum also schon lange mitgeformt. (https://www.sonnenberg-chemnitz.de/20386/von-der-verwandlung-der-unkelswiese)
Darum wäre ein Ersatzneubau keine verrückte Sonderidee, sondern eine vernünftige Investition in den Alltag. Und genau jetzt wäre der richtige Moment, das politisch auch einzufordern. Denn die Stadt Chemnitz hat selbst angekündigt, dass ihre Vorschläge zur Verwendung der Mittel aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität am 19. Mai im Verwaltungs- und Finanzausschuss vorberaten und am 27. Mai dem Stadtrat zur Beschlussfassung vorgelegt werden sollen. Wenn diese Ausgabe erscheint, könnte das also gerade erst beraten werden oder bereits auf dem Tisch liegen. (https://www.chemnitz.de/de/aktuell/presse/pressemitteilungen/detail/verwendung-der-mittel-aus-dem-sondervermoegen-infrastruktur-und-klimaneutralitaet-vorgestellt-1)
Auch deshalb lohnt sich der Blick auf die Finanzierung. Nach Angaben der Bundesregierung umfasst das Sondervermögen 500 Milliarden Euro; davon sind 100 Milliarden Euro für Länder und Kommunen vorgesehen. Genannt werden ausdrücklich auch Verkehrswege und kommunale Infrastruktur. Warum sollte also ausgerechnet eine so wichtige Verbindung für einen dicht bewohnten Stadtteil in Chemnitz dort keine Rolle spielen?
Niemand fordert, eine baufällige Brücke stehen zu lassen. Aber vor dem Abriss sollte entschieden werden, ob und wie diese Verbindung ersetzt werden kann. Eine Stadt, die sichere Schulwege, Barrierefreiheit, Nahmobilität und lebenswerte Quartiere ernst nimmt, sollte an dieser Stelle nicht nur das Ende einer alten Brücke organisieren, sondern auch den Anfang einer neuen. Darum die kleine Bitte an alle: Melden Sie sich bei den Fraktionen im Stadtrat. Eine kurze Mail reicht. Freundlich, klar, konkret. Bitten Sie darum, sich für die Prüfung und Vorbereitung eines Ersatzneubaus einzusetzen — und dafür, auch eine Finanzierung über das Sondervermögen Infrastruktur ernsthaft zu prüfen.
Denn am Ende bleibt eine einfache Frage: Wenn die alte Brücke weg ist — über welche Brücke willst Du dann gehen?
Karola Köpferl

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