Wie der Presse zu entnehmen war, soll die Fuß- und Radbrücke, die an der Hainstraße die Bahnstrecken überquert, wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Ein Ersatzneubau ist bisher nicht vorgesehen! Das heißt, zwischen Dresdner Platz und Martinstraße würde es auf einer Strecke von 400 Metern keinen Zugang zum Sonnenberg mehr geben. Das würde die Kommunikationsmöglichkeiten allerdings auf den Stand von vor über 100 Jahren zurückwerfen.

Die Vorgeschichte der „Hainbrücke“ ist lang. Seit 1858 besteht die Eisenbahnstrecke nach Zwickau, deren Bahndamm die Hainstraße in einen oberen und unteren Abschnitt teilt. An diesen früheren Damm erinnert noch der heutige Name Dammstraße. Es gab auch zunächst keinen Übergang über die Bahn, so dass die Bewohner der Hainstraße und der Sonnenstraße eine Eingabe an den Stadtrat richteten. Dieser wollte nicht etwa dafür verantwortlich sein, wenn es beim ungeregelten Erklettern des Bahndamms und Überschreiten der Gleise zu Unfällen kam, und drängte auf eine Entscheidung der Staatsbahnverwaltung.

Bau nach Absenkung der Bahntrasse

Der Stadtrat berief sich darauf, schon mehrere Jahre zuvor einen Übergang beantragt zu haben. Die betreffenden Akten waren aber nun leider nicht mehr aufzufinden, so dass die Frage entstand, wer für die Mehrkosten für einen nachträglichen Übergang aufkommen sollte. Dieser wurde umso dringlicher, als die Bebauung jenseits der Bahnlinie zunahm. Dafür hatte der Besitzer des Gasthauses „Zur Goldnen Sonne“ Anton Wechsler bereits 1847 einen Bebauungsplan eingereicht. Auch er behauptete, schon lange bei den Beamten der Staatseisenbahn wegen eines Übergangs an der „Unkelswiese“ vorgesprochen zu haben, sein Anliegen sei jedoch schroff abgewiesen worden. Kurz vor Vollendung der Bahnstrecke bot er im Namen aller Anwohner an, eine Beihilfe von 255 Talern für einen Durchgang zu leisten. Die Bahndirektion erachtete diesen Betrag als mittlerweile zu niedrig, und die Königliche Straßenbaudirektion erklärte, dann müsse eben die Stadt die entstandenen Mehrkosten übernehmen. Dagegen legte diese Widerspruch ein. Nachdem aber Wechsler seine Baustellen jenseits der Bahn verkauft und außer der Entschädigung für von der Bahn in Anspruch genommene Grundstücke auch noch eine für den Wegfall des Übergangs erhalten hatte, zeigte er sich nicht mehr an einem Durchgang interessiert. Umgesetzt wurde also ab 1860 nur die „Billigvariante“ eines Überwegs für Fußgänger, für die die Staatsbahnverwaltung alle Kosten trug.

Ein Treppenaufgang führte nun von der Jäger- zur Hainstraße, die Gleise waren mit Schranken abgesperrt. Alle, die jenseits der Bahn wohnten, mussten hier auf die Zugdurchfahrten warten, ehe sie in die Stadt bzw. wieder nach Hause gelangten. Auch waren die Stufen der Treppe äußerst schmal bemessen, immerhin zeigte sich die Bahndirektion nach sechs Jahren bereit, den zu steilen Aufgang nachzubessern. Etwaige Mehrkosten für einen breiteren Treppenzugang jedoch wollte die Stadt nicht tragen.

Noch mehr Züge kamen 1875 mit der Strecke nach Aue-Adorf hinzu. Der Bahnwärter war sichtlich überfordert, denn er hatte gleichzeitig noch eine Weiche zu überwachen, die 90 Schritt entfernt war. Dies fiel auch dem zuständigen Polizeiwachtmeister auf, der vorschlug, entweder einen weiteren Beamten anzustellen oder doch auf den ursprünglich geplanten Durchgang zurückzukommen.

Dazu kam es aber erst 1881. Zu diesem Zeitpunkt standen in der Oberen Hainstraße bereits 76 Häuser, einschließlich der Baustellen. In den vier- bis fünfstöckigen Gebäuden wohnten meist Arbeiter, vor allem Weber, auf jeder Etage 3-5 Familien, viele arbeiteten in Fabriken der Stadt. Die Staatsbahnverwaltung trat nun doch dem Tunnelprojekt näher. An den Kosten von 14.500 Mark wollte sich jetzt auch die Stadt mit maximal 7.000 Mark beteiligen. Allerdings war der Tunnel mit 3,20 m Breite wieder nur als Fußgängerübergang vorgesehen. Als den Chemnitzer Stadtverordneten das Projekt vorgelegt wurde, warf einer von ihnen die Frage auf, warum man den Übergang nicht auch als Fahrweg geplant habe. Der Stadtbaurat Hechler entgegnete, „daß eine Fahrbahn nicht nöthig sei, weil sich in der Nähe fahrbare Eisenbahnübergänge bez. Unterführungen befänden, auch die Anlegung einer Fahrbahn mit erheblichen technischen Schwierigkeiten und einem bedeutenden Kostenaufwand verbunden sein würde, überdies die königliche Generaldirektion der sächsischen Staatseisenbahnen sich nur zur Tragung eines Theiles der Kosten für einen Fußweg verstanden habe“. Die tatsächlichen Kosten für die Stadt beliefen sich dann auf 4.764 Mark und 89 Pfennige statt 7.000 Mark, so dass ein gewisser finanzieller Spielraum bestanden hätte.

Als Anfang des 20. Jahrhunderts die Bahnlinie in den „Untergrund“ gelegt wurde, sollte hier eine Brücke, aber wieder nur für Fußgänger, entstehen. Der Östliche Bezirksverein der Bürger vom Sonnenberg und aus Gablenz sowie auch der Südliche Bezirksverein legten dagegen ihr Veto ein. Sie forderten die Beschaffung einer fahrbaren Brücke. Diese hatten vor allem die Bewohner der Hainstraße verlangt. Der Oberbürgermeister Dr. Beck machte sich diese Forderung gegenüber der Staatsbahnverwaltung zu eigen. Es wurde schließlich festgelegt, dass eine Brücke mit Rampenauffahrt gebaut wird. 1908 entschied man noch, die Fußgängertreppe zu verbreitern, die Steigungsverhältnisse zu verbessern und zur Jägerstraße hin eine weitere Treppe einzulegen. Dafür gaben die Stadtverordneten zusätzliche Mittel frei.

Der Auftrag ging – wie bei den meisten stählernen Brücken beim damaligen Bahnumbau – an die Königin-Marienhütte in Cainsdorf. Es wurde auch vertraglich vereinbart, dass der Staatsfiskus der Stadt für die Rampenaufschüttung „das erforderliche Erdreich unplanirt … gegen Zahlung eines Preises von 0,50 Mark für 1 cbm gewachsene Massen“ liefert.

Parallel zum Dresdner Platz begann man 1905 mit der Überführung der Hainstraße. Während des Umbaus diente eine hölzerne Fußgängerbrücke als provisorischer Übergang. Erst 1909 war die Stahlbrücke mit Rampenauffahrt fertig gestellt, so dass die Behelfsbrücke eingezogen werden konnte.

Die Brücke musste über sechs Gleise hinweggeführt werden, denn der Bahnbogen erfuhr eine Erweiterung an der Außenseite, also zum Sonnenberg hin. An dieser Seite wurde das Erdreich abgegraben. Es mussten auch Häuser an der Jakobstraße abgebrochen werden. Wo vorher nur eine Böschung war, wurde sie mit einer Stützmauer abgefangen. Beim Treppenaufgang hat man sich damals überlegt, ihn nicht etwa senkrecht, sondern ziemlich parallel zur Jägerstraße anzusetzen, damit sich die Verkehrsströme nicht kreuzten. Die Seiten überspannten elegante Parabelbögen. Die Fahrbahn war wie auch bei anderen Chemnitzer Straßenbrücken in jener Zeit mit Holzpflaster ausgelegt.

1965 trat aber im Zuge der Elektrifizierung der Strecke eine Spannbetonbrücke für Fußgänger an ihre Stelle.

1964 ist die alte Hainstraßenbrücke abgerissen worden. 1965 trat aber im Zuge der Elektrifizierung der Strecke eine Spannbetonbrücke für Fußgänger an ihre Stelle, die neue Brücke war lediglich für den Fußgängerverkehr zugelassen. Der motorisierte Verkehr wurde nun auf den Dresdner Platz, der damals noch Platz des 8. Mai hieß, verlagert. 2014 verfiel der Treppenaufgang dem Abriss, aber die Auffahrt ermöglicht nach wie vor einen weiträumigen Zugang zur Brücke. Täglich passieren sie Hunderte Fußgänger und Radfahrer, auch Leute mit Kinderwagen oder Rollstuhl sind auf die Brücke angewiesen, ein Ersatz ist also dringend notwendig.

Text und Bildmaterial: Stefan Weingart, Sonnenberg Chronist