Die Begehungen haben bereits eine lange Geschichte – und dazu eine, die auf dem Sonnenberg beginnt: Bei der ersten Auflage 2003 waren zwölf leerstehende Ladengeschäfte im Chemnitzer Stadtteil Sonnenberg Schauplätze einer Fotografie-Ausstellung. Seit 2010 wechselt das Kunstfestival jedes Jahr seinen Austragungsort und bezieht dabei immer besondere, leerstehende Orte.

In diesem Jahr wird das Chemnitzer Schauspielhaus Austragungsort sein. Es kann seit 2022 wegen baulicher Mängel nicht mehr als Theater genutzt werden und steht seitdem leer. In Politik und Zivilgesellschaft findet aktuell eine lebhafte Debatte zu Sanierung und Neubau statt. “Diese Debatte wird aus unserer Sicht nicht nur um das konkrete Objekt geführt, sondern steht stellvertretend für Diskurse über den Wert von Kultur und den Umgang mit dem Bauerbe der DDR. Wir wollen während unseres Gastspiels im Schauspielhaus den Raum für Diskussionen offen halten”, erklärt Begehungen-Vereinsvorsitzender Matthias Döhler zur diesjährigen Wahl. 

Der thematische Schwerpunkt der 23. Ausgabe des Kunstfestivals liegt aber anders: Es geht darum, wie Wirklichkeit entsteht und wie sie dargestellt wird. Heute, in Zeiten von digitalen Medien, künstlicher Intelligenz und sozialen Netzwerken, verschwimmen die Grenzen zwischen echter Realität und inszenierter Wirklichkeit immer mehr. Das hat Folgen: Öffentliche Diskussionen werden schwieriger, während einfache, oft autoritäre Denkweisen mehr Einfluss bekommen. Das Kunstfestival Begehungen möchte genau hier unter dem Motto „In der Vorstellung“ ansetzen. Die Ausstellung wird 20-25 Werke zeigen, die durch ein Festivalprogramm mit Konzerten, Lesungen, Vorträgen und Performances ergänzt wird.

Für das Team der Begehungen ist es eine tiefe Überzeugung, dass alle Menschen unabhängig von Herkunft, Alter, finanziellen Möglichkeiten oder körperlichen Voraussetzungen das Kunstfestival besuchen können. Deshalb sind die Texte auch mehrsprachig angelegt, außerdem werden Kinderführungen sowie Führungen in Gebärdensprache angeboten. Bereits seit 2016 unternimmt das Kunstfestival zudem enorme Anstrengungen, um Menschen mit Einschränkungen des Bewegungsapparats sowie des Hör- oder Sehsinns einen unkomplizierten und selbstverständlichen Zugang zur Ausstellung und zu allen Programmpunkten zu ermöglichen. Für die Finanzierung der Maßnahmen zur Barrierefreiheit gibt es in diesem Jahr eine Crowdfunding-Aktion gemeinsam mit der 99Funken-Plattform der Sparkasse Chemnitz. “Leider werden auch bei Teilhabe und Inklusion die staatlichen Fördermittel gekürzt. Wir hoffen deshalb auf ein starkes, bürgerschaftliches Engagement der Chemnitzerinnen und Chemnitzer, um die Begehungen wieder für alle Menschen zugänglich gestalten zu können”, erklärt Matthias Döhler. Hier könnt ihr uns unterstützen: https://www.99funken.de/barrierefreiheit-begehungen26

Text und Fotos: Johannes Richter